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Bericht
in der "Neuen Westfälischen" vom 01./02. Mai 2001
Mit "Juliette Blau" auf die Love-Parade
Perücken-Spezialist: Seit 1947 kümmert sich die Firma Wittkötter
um haarige Probleme
VON
INGA BEUTLER (TEXT UND FOTOS) |
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Bünde.
Braune Locken, blonder Bob, roter Raspelschnitt - oder doch lieber
die wallende Mähne im Rasta-Look? Gar nicht so leicht, die Wahl
der Zweitfrisur. "Einfach ausprobieren", rät Christiane
Ernstmeier. Freundlich lächelnd greift sie zu einem der unscheinbaren
Kartons, die sich im Verkaufsraum der Firma Wittkötter stapeln.
Ein haariger Traum in Goldblond quillt aus der Verpackung. Warum
nicht? "Made in Korea" steht auf dem Etikett. Wie auf fast
jedem der Kartons. Seit drei Jahren wird in der ehemaligen Perückenfabrik
Wittkötter nur noch selten von Hand geknüpft. |
| "Perücken
und Haarteile kommen schon seit Anfang der 70-er Jahre verstärkt
aus Fernost", erläutert Firmenchef Rolf Wittkötter, "dort
wird so günstig produziert, dass wir nicht mehr mithalten können." Immerhin
30 bis 35 Arbeitsstunden stecken in einer einzigen Perücke,
wenn die künstliche Haartracht nicht schon von weitem als solche
enttarnt werden soll: "Und schon bei Produkten aus Korea oder
Hongkong muss der Kunde mindestens 300 Mark
für eine gut gemachte Perücke anlegen", sagt Wittkötter. |
Maßanfertigungen
werden jedoch noch immer in der ehemaligen Perückenfabrik
in Handarbeit hergestellt: "Damit es eben besonders echt aussieht".
Elisabeth Lütkenhöner hat das Knüpfen in der Firma
gelernt, kümmert sich jetzt vor allem um Sonderwünsche.
Zum Beispiel, wenn eine ganz spezielle Haarfarbe nicht über
den Handel zu bestellen ist. "Schließlich ist es gerade
bei Toupets sehr wichtig, dass der Farbton genau stimmt",
sagt sie, während sie Haar für Haar auf dem Nylonstoff
befestigt. Allerdings seien Toupets gerade bei jüngeren Männern
nicht mehr so hoch im Kurs wie noch vor einigen Jahren, ergänzt
Rolf Wittkötter: "Bei den modernen Extra-Kurzhaarschnitten
fällt es ja nicht so auf, wenn die Haare an manchen Stellen
etwas dünner sind."
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Leuchtet
ein. Sind denn nicht auch Perücken etwas aus der Mode gekommen? "Natürlich
sind die Zeiten, in denen fast jede Dame eine Perücke besaß,
vorbei",
sagt Wittkötter. Wie damals in den 70-ern: Als billig produzierende Importfirmen
den Markt überschwemmten und die Zweitfrisur zum guten Ton gehörte.
Oder die 60-er: Für die modisch hochtoupierte Turm-Frisur benötigte
die Dame von Welt nicht nur viel Übung und Geduld - sondern auch massenweise
künstliches Haar.
Jackie Kennedy trug einst Perücken aus Bünder Fabrikation.
Ein Eldorado für Haarteil-Fabrikanten. Davon habe es in dieser Zeit sogar
mehrere in Bünde gegeben, so der 50-Jährige. Und wer wusste schon,
dass sogar Jackie Kennedy ihr prominentes Haupt den Bünder Perückenfabrikanten
anvertraute, verrät Rolf Wittkötter.
Vater Wilhelm gründete 1947 zusammen mit Willi Möller und Herbert Heldt
das Unternehmen, das mit der Produktion von Haarnetzen, Krepprollen und Frisierumhängen
begann. "Damals wurden noch die Haare beim Friseur zusammen gefegt und weiterverarbeitet",
sagt der Firmenchef. Heute handelt Wittkötter hauptsächlich mit Friseurbedarf
aller Art - und auf den meisten Perücken wuchern Synthetikhaare. |
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Modische
Konfektionsware gegen haarige Probleme, für die man manchmal
sehr viel Fingerspitzengefühl braucht, weiß Mitarbeiterin
Christiane Ernstmeier. Denn die meisten Kunden kommen wegen krankheitsbedingtem
Haarausfall. Gerade stand sie einer verzweifelten Dame zur Seite,
die nach einer Chemotherapie ihre Haare verloren hat. "Wir
haben nach einer früheren Fotografie von ihr versucht, die
richtige Perücke für sie zu finden."
Da können auch schon einmal mehrere Stunden vergehen, bis jede Strähne
sitzt - und das Selbstwertgefühl wieder ein wenig Aufschwung bekommt. "Die
Zeit muss man sich dann einfach nehmen", sagt sie.
Haarteile in allen Längen und Farben sind gefragt
Bisher habe es immer ein Lösung gegeben: "Denn die heutigen Perücken
sehen einfach viel natürlicher aus als noch vor einigen Jahren",
meint sie, "und sind schließlich in allen Formen und Farben zu bekommen."
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Was
ist denn zur Zeit in? Haarteile - in allen Variationen. Zum Beispiel
blaue Strähnchen. Wie bei der Pop-Gruppe "No Angels".
Mal probieren? Klar. Klick. Die Klemme sitzt - und die blauen Haare
halten. Oder Rasta-Zöpfe. Praktisch überzustülpen
per elastischem Stirnband. Warum also die stundenlange Flecht-Prozedur über
sich ergehen lassen, wenn der Zopftraum so schnell zu haben ist.
Und wer trägt das Modell "Juliette Blau" in schreiend
greller Tönung? "Naja, das trägt der Bünder
Jugendliche natürlich auf der Love-Parade", weiß Rolf
Wittkötter und schmunzelt.
Für Morgenmuffel ist der gelegentliche Griff zur Perücke übrigens
eine echte Alternative zum täglichen Frisiermanöver, meint der Fachmann:
Sitzen tut's immer. Nur heiß fönen und nass bürsten darf man
die Zweithaare nicht. Also den Tag noch zusätzlich zum "Was ziehe ich
an" mit einem "Was setze ich auf" beginnen. Wer's mag...
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